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Lernen am Vorbild - Vorbild und Weisheit im jüdisch-christlichen Denkhorizont
Georg A. Pflüger
Fragt man christliche Lehrkräfte, was sie denn von säkularen Lehrern unterscheidet, hört man Antworten wie „das persönliche Engagement“ oder „ich kümmere mich um jeden einzelnen Schüler“. Die christlichen Lehrkräfte und übrigens auch die christlichen Schulen als Ganzes wollen sich also vor allem durch Liebe auszeichnen. Das kann so falsch nicht sein. Denn: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - das ist das Gesetz und die Propheten“, sagt Jesus. Aber: So einfach das klingt, so schwer ist das in der Praxis umzusetzen. So manche leidgeprüfte Pädagogen tragen schwer an dieser Aufgabe, Kinder durch ihren persönlichen Einsatz, durch ihr eigenes Vorbild zu erziehen. Grund genug zu fragen: Was heißt eigentlich „Lernen am Vorbild“? Und noch ein Schritt weiter: Was ist eigentlich „das Christliche“ an meinem Lehrerdasein - meine Person?
Das Problem mit den menschlichen Vorbildern
„Gott liebt die Chinesen, sonst hätte er nicht so viele erschaffen.“ So hat jemand gesagt, der den Stellenwert des chinesischen Volkes beschreiben wollte. Ob diese Aussage so stimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber ich weiß, dass Gott viele durchschnittliche Menschen geschaffen hat: Es gibt de facto wenig Kinder, die mit 6 Jahren an einer medizinischen Fakultät Vorträge über Osteoporose halten, die in zartem Alter auf hohem Niveau komponieren, konzertieren oder Schach spielen. Gott scheint sich etwas dabei gedacht zu haben, die breite Masse als Mittelmaß zu erschaffen. Für uns, die wir in lichten Momenten erkennen, das wir nicht (viel) besser sind als die anderen, ist es gar nicht so einfach, die Rolle des Vorbildes einzunehmen. Natürlich wollen wir als Christen Jesus, unserem Vorbild, nachfolgen. Aber deshalb sind wir noch lange nicht selbst wie Jesus - also nachahmenswert. Außerdem lesen wir in der Bibel: „In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ Heißt das, der andere ist immer das bessere Vorbild? Oder darf ich mich selbst in Sachen Demut vorbildlich finden? Verzwickte Sache!
Natürlich können wir auch im Kleinen und Unscheinbaren glänzen. Wir gehen nach einem Streit den ersten Schritt. Wir entschuldigen uns, wenn wir aus der Haut gefahren sind. Wir leeren den Papierkorb auch mal selber aus. Aber so ganz wollen wir „das Christliche“ in unserem Lehrerdasein trotzdem nicht an unserer mehr oder weniger mittelmäßigen, jedenfalls sündigen Persönlichkeit festmachen. Sonst ist das Burnout vorgeplant.
Das Problem mit der Machtausübung in der Erziehung
Wenn wir uns Jesus ansehen und seine Weise, pädagogisch zu wirken, dann sehen wir neben vielem anderen vor allem eines: Er hat niemals Macht, niemals Kontrolle, niemals Zwang ausgeübt. Er hat seine Schüler und Zuhörer mit der Wahrheit konfrontiert, manchmal hart und scharf, aber niemals manipulativ, immer mit Herz.
Es gibt wahrscheinlich kein anderes Tätigkeitsfeld außer der Erziehung, wo wir Menschen so leicht und unmerklich in diese Falle tappen: andere zu manipulieren und beherrschen zu wollen. Aus Angst, aus inneren Verwundungen oder auch aus besten Motiven. Es gibt Bindung statt Liebe, es gibt das Phänomen der Übertragung statt echter Auseinandersetzung und es gibt das ganze Kaleidoskop verdrängter und neurotisierender Traumata, mit denen sich jeder Pädagoge auseinandersetzen muss - bei den Kindern und bei sich selber.
Meine Frau hat einmal ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Mein Kind?“ Darin stellt sie die Frage, ob unsere Kinder uns gehören. Und sie kommt zu dem Schluss, dass unsere Kinder nicht uns gehören. Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere Kinder nicht lieben dürfen oder sollen nur aus der Angst heraus, dass wir sie beeinflussen. Die Frage ist, wie diese Beeinflussung erfolgt. Und die Frage ist auch, ob mein Ich, diese schwer fassbare und stetig sich ändernde Größe, als „Vorbild“ dabei immer geeignet ist.
Warum menschliche Vorbilder unvermeidlich sind
Allerdings weiß jeder, der seine persönliche Lernbiographie aufmerksam studiert, dass es immer wieder einzelne Persönlichkeiten waren, die uns neue Welten erschlossen haben. Ich will das einmal an mir selbst verdeutlichen. Überlegen sie, ob es sich bei ihnen ähnlich verhält.
Am Anfang und voller Prägekraft standen meine Eltern. Sie waren die ersten Vorbilder für Mannsein und Frausein in meinem Leben - mit allen Stärken und Schwächen, die diese Menschen damit in mein Leben gelegt haben. Dann hat es Lehrer und Lehrerinnen gegeben, die mich beeindruckt haben. Die eine hat in mir den zukünftigen Lehrer gesehen. Ein anderer hat in mir die Liebe zur Sprache geweckt - weswegen ich Philologe geworden bin.
Auch in meinem geistlichen Leben als Christ gibt es diese Vorbilder oder Leitbilder oder Modelle: Kurz vor meiner Bekehrung erinnere ich mich, dass ich dachte: „Das, was die da haben, das will ich auch haben.“ Und dann gab es immer wieder Menschen, wo ich dachte: „Ok, wenn Familie so aussieht, dann will ich das auch.“ Oder: „Also, wenn geistliches Leben so aussieht, dann kann ich mir das für mich gut vorstellen.“
An der Universität habe ich mich mit vielen Kommilitonen darüber ausgetauscht, dass wir in den Geisteswissenschaften die Professoren öfter als gedacht nicht nach ihren Themen, sondern nach ihrer Persönlichkeit ausgesucht haben. Auch auf akademischem Niveau ist die Person ein wirksamer und vitaler Faktor für nachhaltigen Lernzuwachs. Wohl der Person, die in ihrem Leben einen positiven Mentor erlebt hat! Also jemanden, der in der Lage war, das persönliche Potential zu erkennen und Wege zur Verwirklichung zu eröffnen.
Die neurologische Basis für dieses Lernen am Vorbild findet man in den sogenannten Spiegelneuronen. Demnach lernt der Mensch von früher Kindheit an am Vorbild. Als Entdecker gilt der italienische Wissenschaftler Giacomo Rizzolatti, der 1996 zum ersten Mal darüber veröffentlichte. In Deutschland beschäftigt sich damit der Freiburger Professor Joachim Bauer. In seinem neuesten Buch „Warum ich fühle, was du fühlst“ erklärt er gut verständlich den Zusammenhang zwischen mitfühlender Sensibilität und dem Geheimnis der Spiegelneuronen.
Bei den Spiegelneuronen handelt es sich um eine besondere Art von Nervenzellen. Sie sorgen im Gehirn dafür, dass der Körper bestimmte Handlungsprogramme durchführt; sie werden erstaunlicherweise aber auch dann aktiv, wenn sie andere Personen dabei beobachten, wie sie diese Handlung ausführen. Die Spiegelneuronen sind also in der Lage, Handlungen anderer Personen automatisch neuronal abzubilden - ob man sie dann ausführt oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Was zum Beispiel ein Kleinkind beobachtet, „wird auf der eigenen neurobiologischen Tastatur in Echtzeit nachgespielt“. Dieser Sachverhalt bildet die neurobiologische Basis für das intuitive innere Nachvollziehen bestimmter Handlungen (deshalb ist z.B. Gähnen „ansteckend“) oder die spontane Resonanz auf ein Bild oder ein Gesicht.
Sowohl die eigene Erfahrung als auch die Ergebnisse der Neurologie deuten darauf hin, dass der Mensch am Vorbild und durch Nachahmung lernt. Das führt zur Frage: Wie kann ich die offensichtlichen Vorteile des Lernens am Vorbild nutzen, ohne in seine Fallen zu geraten?
Lernen in Beziehung und in Abhängigkeit von Gott
Vergeblich sucht man in der Bibel Aussagen wie „Gepriesen ist und weise, wer zwölf Jahre die Schule besucht“ oder „Die Immatrikulation ist der Erkenntnis Anfang“. Die rationalistische Vorstellung, dass Wissen etwas Neutrales sei, eine Art objektiver Stoff, der von professionellen Fachleuten nach allen Regeln der Kunst injiziert werden kann, ist der Bibel fremd. Unterricht kann von der Bibel her nicht als eine Art Impfung beschrieben werden, wo unabhängig von Person und geschichtlicher Situation rationale Substanzen als Prophylaxe für künftige Verblödung verabreicht werden - und zwar, siehe Schulpflicht, ohne Einverständniserklärung des „Patienten“.
Die Bibel denkt zutiefst personal. Das zweidimensionale didaktische Dreieck „Lehrer-Schüler-Stoff“ muss von der Bibel her gedacht zur dreidimensionalen didaktischen Pyramide erweitert werden: „Lehrer-Schüler-Stoff-Gott“. Das ist in der jüdisch-christlichen Tradition immer wieder herausgearbeitet worden: „Gott, der die Liebe und die Wahrheit ist, flößt dem Lehrer die Liebe, dem Schüler die Wahrheit ein“, sagt Eugen Rosenstock-Huessy. Das heißt, dass der Schüler erkennt, weil sein Geist auf die Erkenntnis von Wahrheit hin geschaffen wurde. Ebenso wie das Auge auf die Wahrnehmung von Licht hin konstruiert wurde. Der Lehrer respektiert, unterrichtet und liebt den Schüler, weil er selber Liebe erfahren hat. Beide, Lehrer und Lerner, sind in ihren Rollen abhängig von Gott.
Auch die Neurologie weiß, dass Wissen dann am besten nachhaltig verarbeitet wird, wenn der Schüler erfährt, welchen Stellenwert die jeweilige Erkenntnis im kulturellen Kontext hat. So sagt Prof. Dr. Martin Korte vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie: „Bildung kann deshalb nur dort entstehen, wo man dem Wissen Wert beimisst. Wir merken uns immer das, was vom Gehirn in einem meist von unserer Kultur vorgegebenen Zusammenhang als wichtig erachtet wird.“
„Ein meist von unserer Kultur vorgegebener Zusammenhang“ - was ist damit gemeint? Unsere plurale, postmoderne Welt hat viele wohlklingende Wendungen gefunden, die einerseits das pädagogische Postulat nach Sinn erlauben, andererseits das philosophische Tabu eines gewissen Wahrheitsanspruches respektvoll umgehen. Man spricht in diesem Zusammenhang oft von „Kohärenz“ oder „Konstistenz“ in den „Lebensentwürfen“ oder im „Bildungsverlauf“, fügt Komposita hinzu wie „Erfahrung“ oder „Kompetenz“, und würzt das ganze mit einigen Adjektiven wie „individuell“, „kulturell“ oder „prozessual“. Dabei kommen Sätze heraus wie: Ziel ist es, die individuelle Kohärenzerfahrung zu stärken und gleichzeitig die Kompetenz in der Beurteilung kultureller Konsistenzentwürfe zu erhöhen. Klartext: Das Kind braucht eine Weltdeutung, um dem Wissen Wert beimessen zu können. Gleichzeitig will man die Offenheit nach allen Richtungen bewahren. Egal, wie wir diesen Sachverhalt benennen, und auch unabhängig davon, welche Sinndeutung der Welt beigefügt wird - es wird klar, dass Bildung ohne einen sinnstiftenden Bezugsrahmen nicht auskommt.
Die Bibel kennt diesen Zusammenhang, geht aber noch einen Schritt weiter: „Die Furcht des Herrn ist der Erkenntnis Anfang.“ In der Synopse der verschiedenen Sprachen zeigt sich eindeutig, dass hier nicht unterschieden wird zwischen Erkenntnis und Weisheit, man könnte auch sagen zwischen Stoffbeherrschung und Orientierungskompetenz. Im parallelen Spruch verbunden sind mit der Erkenntnis die Weisheit (la sagesse/ sapientia/ the wisdom/ chokmah/ aisthesis/ sophia) und die Unterrichtung (l‘instruction/ doctrina/ instruction/ Musar/ paideia). Beides - Wissen und Bildung, Erkenntnis und Weisheit finden ihren Ursprung im Anerkennen einer den Menschen übersteigenden Wirklichkeit, der „Furcht des Herrn“.
Wenn dies so ist, dass Unterricht und Erziehung von der Bibel her nur im Rahmen von Beziehung und Weltanschauung gedacht werden kann, dann ist es nicht möglich, die eigene Vorbildfunktion auszuklammern. Dann bleibt nur die Frage, wie wir sie gestalten: Nicht indem wir unsere Person oder unser Verhalten für zentral halten, sondern indem wir immer wieder und explizit von uns weg weisen hin auf die Quelle der Erkenntnis. Das entlastet.
Wie kann das konkret aussehen? In der Geschichte der christlichen Pädagogik hat es hier verschiedene Antworten gegeben: Die biblische Unterweisung, das Studium exemplarischer Persönlichkeiten, das Wahrnehmen der Welt als Glanzleistung schöpferischen Designs, das Erzählen von Geschichten. Eine Möglichkeit, die hier ausführlich entfaltet werden soll, ist das genaue Erforschen dessen, was die Bibel „Weisheit“ nennt.
Torheit und Weisheit
Im Alten Testament wird die Rolle des Vorbildes nicht allein auf den Vater, den Lehrer oder die vermittelnde Person beschränkt. Sicher ist er wichtig und steht auch selbst mit seinem Leben als authentisches Beispiel da, an dem der Lernende die Lehre abgleichen kann. In den Sprüchen Salomos heißt es: „Mein Sohn, vergiss meine Lehre nicht, und dein Herz bewahre meine Gebote!“ Aber beide, sowohl Vater als auch Sohn, ordnen sich noch einer höheren Instanz unter, der Weisheit. Was bedeutet „Weisheit“ in der Bibel?
Weisheit ist im Alten Testament das Ergebnis klarer und kritischer Gedanken. In den jüdischen Lehrbüchern (Hiob, Sprüche, Prediger, Hoheslied) wird Weisheit als etwas Lehr- und Lernbares verstanden. Weisheit kann deshalb in den Familien, Synagogen oder an den Königshöfen unterrichtet werden. Ziel der Weisheit ist es, den Schüler zu einem gelingenden Leben zu verhelfen. Die Weisheit kennt keine Ländergrenzen, ist keine Philosophie und kein begriffliches System, sondern ein Schatz von „common sense“, „savoir vivre“, gesundem Menschenverstand, kurz, ein allgemeines Humanum: Wer klug ist, hält sich daran.
Was hier mit Weisheit gemeint ist, erschließt sich auch durch ihr Gegenstück: die Torheit. Torheit ist nicht mit Dummheit, Abwesenheit von Intelligenz oder mangelnder Bildung zu verwechseln. Der Tor wird im Alten Testament so charakterisiert: Er kann nicht zuhören und kann sich nicht richtig einschätzen. Er „fährt trotzig durch das Böse hindurch“ und „sein Herz ist nicht richtig“. Torheit in diesem Sinne ist nach Gerhard von Rad die „Nicht-Anerkennung der dem Menschen nun einmal gesetzten Ordnungen und Grenzen“. Weisheit dagegen kennt und anerkennt diese Regeln und handelt deshalb danach.
Wissen und Handeln gehören im Alten Testament zusammen. Ein Tor wird nicht dadurch weise, dass er weise Sprüche aufsagen kann. Ein Betrüger wird nicht dadurch entschuldigt, dass er den Paragraphen des Strafgesetzbuches kennt, nach dem er verurteilt wird. Bildungswissen ist nicht gleich Weisheit. Der bloße „Wisser“ lernt und speichert ab – was sein Verhalten im täglichen Leben leider zu wenig tangiert. Der Weise ist in der Lage zu hören und zu sehen, zu unterscheiden, zu urteilen, zu verstehen und danach zu handeln.
Der Weise ist sich seiner Grenzen bewusst. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagt Sokrates mit allen, die sich ernsthaft und dauerhaft darum bemühen, die Rätsel der Welt zu ergründen, und die dabei erleben, dass jede Antwort neue Fragen aufwirft. Gerade die jüdisch-christliche Tradition, die bei der Suche nach Weisheit auch Gotteserfahrungen nicht ausklammert, kennt Situationen, in denen menschliches Urteil an seine Grenzen gerät. Aufgrund dieser Erfahrungen vertraut die jüdisch-christliche Tradition bei allem Ernst, mit dem nach Weisheit gesucht wird, niemals der Weisheit selber:
Siehst du einen, der sich weise dünkt,
– für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn!
Sprüche 26,12
Weisheit und Vertrauen
Weisheit ist im jüdisch-christlichen Verständnis auch nie ein fest gefügtes System wie etwa die Ideenwelt Platons oder die alles durchwaltende und ordnende „Maat“ der Ägypter. Damit sind alle Wege ausgeschlossen, deren Wissen zu Macht führen soll. Vielmehr ist in der jüdischen Weisheit ein tiefes Misstrauen feststellbar gegen jedes die Welt erklärende theoretische System aus Begriff und Axiom. Weisheit zeigt sich immer an einzelnen Situationen, sieht die Dinge unter mehreren Aspekten, bleibt für neue Deutungen offen und wird oft dialektisch im Gespräch entwickelt.
Das Anerkennen der weisen Regeln und ihr Befolgen ist letztlich eine Frage des Vertrauens. Zum Beispiel heißt es in den Sprüchen Salomos: „Wo ist der Mann, der Leben wünscht, der Jahre liebt, um das Glück zu schauen? So bewahre deine Zunge vor dem Bösen und deine Lippen davor, Trug zu reden.“ Doch kann ich mich darauf verlassen? Es heißt: „Besser wenig in Redlichkeit als ein großes Einkommen mit Unrecht.“ Doch stimmt das? Ist nicht die Volksweisheit richtig: „Geld regiert die Welt“? Ist nicht der „Ehrliche der Dumme“, wie der langjährige Moderator der Tagesthemen Ulrich Wickert in seinem gleichnamigen Ethikbuch nachfragt?
Die jüdisch-christliche Tradition hat sich nach jahrhundertelanger, sorgfältiger Beobachtung der Welt mit unverstelltem Blick in alle Richtungen zu diesem Ergebnis durchgerungen: „Der Erwerb von Erkenntnis ist besser als Gold und Erwerb von Einsicht besser als Silber.“ Und: „Mächtiger ein Weiser als ein Starker, und ein Mann der Erkenntnis ist mehr als ein Kraftvoller.“
In dieses Ergebnis ist die Erfahrung eingeflossen, dass es dem Weisen und Gottesfürchtigen nicht immer automatisch gut geht. Es heißt sogar: „Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.“
Immer wieder wird jedoch darauf hingewiesen, dass dieses Glück unter dem Verdikt der Vergänglichkeit steht: „Ich sah einen Gottlosen, der pochte auf Gewalt und machte sich breit und grünte wie eine Zeder. Dann kam ich wieder vorbei; siehe, da war er dahin. Ich fragte nach ihm; doch ward er nirgends gefunden.“ Ob in Krankheit, auf der Flucht, im Exil oder in Todesnot – die Erkenntnis bleibt bestehen, dass Weisheit ein Gefäß ist, welches das Leben in sich birgt: „Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie den Gerechten verlassen gesehen und seine Kinder um Brot betteln. ... Der Mund des Gerechten redet Weisheit und seine Zunge lehrt das Recht. ... Bleibe fromm und halte dich recht; denn einem solchen wird es zuletzt gut gehen.“
Als König Salomo mit dem Beinamen „der Weise“ bei Gott im Traum einen Wunsch frei hatte, wünschte er sich ein „verständig hörendes Herz“ (hebräisch: shama‘ leb), um Gut und Böse unterscheiden zu können. Hinter dieser Bitte steht das Vertrauen, dass diese Welt kein sich auf unergründliche Weise selbst ordnendes Chaos ist. Sondern dass es einen Sinn gibt, der aus dem Leben, den Menschen, dem Kosmos decodiert, entziffert, heraus gehört und verstanden werden kann. Für diese Weisheitsinterpretation der Welt gibt es allerdings keine feste Methode. Voraussetzung ist eine Grundhaltung, eine „Herzensbildung“, ein Hören, das anerkennt, dass der Mensch nicht als Maß aller Dinge den Kosmos beherrschen lernt, sondern dass er selbst eingepasst ist in einen größeren Zusammenhang, der ihn übersteigt. Diesem großen Unverfügbaren kann man überraschenderweise und erfahrungsgemäß Vertrauen entgegenbringen - auch wenn nicht alle Geheimnisse gelüftet werden und auch wenn Fragen offen bleiben (vergl. Hiobs Frage nach dem Leiden). Keine durch Credos verstellte Optik, sondern ein unvoreingenommenes Forschen und Fragen im Lichte der Erkenntnis, dass diese Welt und ihr Schöpfer Vertrauen verdienen.
Weisheit in diesem Sinne ist also eine lehr- und erlernbare Unterscheidungsfähigkeit zwischen Gut und Böse bei sich selbst und bei anderen, die
- nach allen Seiten hin offen und kritisch ist,
- durch genaues Hinhören, Abwägen, Diskutieren und Anwenden ständig geschult wird
- sich an den Zehn Geboten und der Goldenen Regel (heute in Deutschland hinzuzuziehen: das Grundgesetz) orientiert und
- von dem Vertrauen getragen ist, dass diese Regeln zum Leben führen.
Weisheit zielt ab auf ein gelingendes Leben für sich und andere in dem Vertrauen, dass der Ehrliche eben nicht der Dumme ist. Weisheit bleibt immer offen für neue Erfahrungen, weil das Leben letztlich nicht von der Regel, sondern von Gott bestimmt wird.
Das Vorbild hat Vorbilder
Das entlastet: Ich weiß, dass nicht ich selbst das Vorbild bin, an dem sich alles entscheidet. Auch als Vater, Mutter oder Lehrkraft lerne ich mit dem Kind: Was ist Weisheit? Was ist Wahrheit? Was hätte Jesus getan?
Wir dürfen den Kindern nicht vorenthalten, dass es eine Weisheit gibt, die zum Leben führt. Es ist eine Lüge auf Büttenpapier zu sagen: Mathematik hat nichts mit Gott zu tun. Oder Geschichte hat nichts mit Gott zu tun. Oder Fremdsprachen haben nichts mit Gott zu tun. Das ist ein aufklärerischer und rationalistischer Mythos, den wir auf eine intellektuell und pädaogisch redliche Weise entlarven, entzaubern, entmythologisieren dürfen. Wir müssen darüber nachdenken: Was hat denn Mathematik tatsächlich mit Gott zu tun? Worin zeigt sich Weisheit? Und wir müssen dann auch mit den Kindern ehrlich darüber reden. Immer wieder. Aus allen möglichen Perspektiven. „Rede über diese Weisheit morgens beim Aufstehen, abends beim Zubettgehen und tagsüber auf deinen Wegen. Mache ein Zeichen an der Hand daraus, trage sie als Schmuck, nagele sie an die Pfosten deine Tür und weise auf öffentlichen Plätzen darauf hin“, sagte Mose dem Volk Israel.
Wie die Kinder sich letztlich entscheiden, ist ihre Sache. Sie gehören nicht uns. Aber wir dürfen ihnen nicht vorenthalten, dass es eine Weisheit gibt, die zum Leben führt, und dass es auch Wahrheit gibt und Lüge. Und dass der Bibelvers stimmt, der in großen Lettern über dem Haupteingang der Freiburger Universität steht: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Das entlastet.
Georg A. Pflüger
Mittwoch, 10. Mai 2006
Literatur
- Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst - Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg, 2005
- Martin Korte: Ist nur der gebildet, der viel weiß? In: Fokus-Schule 03/2006
- Gerhard von Rad, Weisheit in Israel. Neukirchen-Vluyn, 1985
- Eugen Rosenstock-Huessy: Der Atem des Geistes. 1951
- Ulrich Wickert: Der Ehrliche ist der Dumme - Über
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