Was es bedeutet ein Christlicher Lehrer zu sein
Matt Kägi
Mein zentrales Anliegen ist, dass Christen, die als LehrerInnen arbeiten, die Freude und Überzeugung für ihren Beruf behalten und so auch als „ansteckende Christen“ in den Schulen bleiben. Ich glaube, dass die Botschaft von Christus – wahre Liebe – heute wie schon immer zentral ist, und dass deshalb die Schule wahre Christen nötig hat.
Was heißt „wahre Christen“?
Das sind Christen, die sich bewusst sind, dass sie nicht selber die Schöpfer der Liebe sind, sondern dass sie sich diese Liebe von Christus schenken lassen müssen und dürfen, und dass sie sich in ihrem Handeln von ihm leiten lassen müssen und dürfen. Das sind Christen, die nicht nur einen „erlösten Eindruck machen“ (Nietzsche!), sondern auch erlöst sind – von ihrer Angst um sich selbst, von ihren Sorgen ums Überleben, von der Bürde ihrer Schuld. Sie haben einen Halt, eine Orientierung, eine ansteckende Freude, die nicht aus äußeren Umständen kommt.
„Liebe“ ist zwar heute ein gefährlicher Begriff – weil er so viel missbraucht worden ist, und weil dadurch heute sofort die Assoziation zu sexuellen Übergriffen geweckt wird. Ein geschickter Schachzug von Gottes Gegenspieler!
Wenn wir aber das Wort im wahren, biblischen Sinn verstehen, ist es doch klar, wie zentral es im ganzen Leben, und besonders auch in der Schule ist. „Wenn ich allen Glauben und alle Erkenntnis habe, aber keine Liebe, so bin ich nichts.“ (Paulus) Wer von Euch hat das nicht selbst in der Schule erfahren! Welche Lehrer haben euch positiv beeinflusst? Doch jene, die liebevoll waren – und das heißt nicht etwa weich, oder farblos, oder grenzenlos. Aber Du warst ihnen wichtig, und sie haben dich ernstgenommen.
Gerade wurde mir das wieder vor Augen geführt an einer Quims-Netzwerk-Tagung. Junge „Secondos“ äußerten sich an einem Podiumsgespräch zu ihren Erfahrungen in der Schweizer Schule. Alle führten in irgendeiner Form ihren Erfolg auf eine Person zurück, die sie liebte und sich für sie einsetzte. In einem Fall war dies eine Gymi-Lehrerin, die ihrer kongolesischen Schülerin, nachdem sie aus dem Gymi „herausgefault“ war, nicht nur Mut zusprach, sondern ihr auch den Besuch einer Privatschule finanzierte! Heute studiert die junge Frau an der Uni.
Auch in meiner Arbeit als Heilpädagoge erlebe ich immer wieder, wie Kinder wieder aufblühen, die sich aufgegeben hatten.
Ich bete auch jeden Morgen darum, dass Gott mir die Liebe und die Weisheit gebe, um den Kindern das zu geben, was sie brauchen.
Leider wird Liebe von vielen dahingehend missverstanden, man müsse allen Wünschen des Kindes nachgeben. Ich kann nur sagen, das ist eines der schlimmsten Missverständnisse heute. Die Kinder, deren Eltern sich so nicht getrauen, Grenzen zu setzen, gehören zu den bedauernswertesten. Wahre Liebe erfordert, dass wir unseren Verstand und unsere Erfahrung auch einsetzen, um das Kind an Grenzen zu gewöhnen, die für ein sinnvolles Zusammenleben unerlässlich sind.
Wenn ein Lehrer / eine Lehrerin ihre Aufgabe im christlichen Sinne als Dienst an werdenden Menschen versteht, dann ist dieser Beruf sehr schön, aber auch sehr anspruchsvoll. Man ist in der Begegnung mit Kindern täglich, stündlich und minütlich als ganzer Mensch mit seiner ganzen Präsenz gefordert. Viele geraten damit schon bald an den Rand ihrer Kräfte. Ein Versagen kann nicht so leicht als Teilversagen wahrgenommen werden, sondern viel eher als Versagen des ganzen Menschen. Das ist bedrohlich. Da ist die Gefahr groß, das Ideal zu vergessen und sich auf die Forderungen zu konzentrieren, die von außen an einen herangetragen werden: Gute Klassenleistungen und gleichzeitig individuelle Förderung, entspannte Klassen-Atmosphäre und gleichzeitig knallhart fordern, rege Beteiligung an Schul-Entwicklungsprojekten und gleichzeitig gewissenhafte Vorbereitung des Unterrichts, Unbestechlichkeit und gleichzeitig Nachsicht, usw. Wie oft erlebe ich, dass gute LehrerInnen unter der Last dieser Überforderung zuerst unter dauernder Zeitnot leiden, und dann aufgeben!
Sehr zu denken gegeben hat mir auch der Austausch mit Lehrern aus England anlässlich der EUReca Konferenz in Osijek (Kroatien)* diesen Sommer. Dort werden alle Schulen jährlich geprüft und die Leistungen der Schüler in einer Rangliste in der Zeitung veröffentlicht! Da ist offenbar alles derart auf Prüfungen ausgerichtet, dass eine junge Christin, die ihre Lehrerlaufbahn voller Enthusiasmus begonnen hatte, schon nach einem Jahr eingestehen musste, dass ihr einziges Ziel in der Schule sei, ihre Kinder durch die „Exams“ zu bringen! Auch in der Schweiz sind solche Qualitätserhebungen am Anlaufen.
Aber auch erfahrene Kollegen und Kolleginnen stöhnen unter der Last der unbarmherzig daherrollenden Reformen: von einem Tag auf den andern sollte man mit einem neuen Lehrmittel unterrichten, das einem über 1000 Seiten Studium abverlangen würde und dabei nicht einmal auf die Bedürfnisse der Stufe zugeschnitten ist; plötzlich sollte man ein neues Beurteilungsverfahren anwenden, das man nach einem eintägigen Kurs beherrschen müsste; die neue MAB (Mitarbeiter-Beurteilung) verlangt, dass man ein Dossier über sich schreibt und seine Arbeit nach verschiedenen Besuchen gegenüber den Beurteilern rechtfertigt; wo Schulleitungen eingeführt werden, hat man sich oft mit neuen Formen des Macht-Gerangels auseinander zusetzen; verschiedenste Sparmassnahmen versprechen Qualitätsabbau, und man fragt sich „Müssen / dürfen wir das einfach hinnehmen?“ – kurz, entweder der Druck des Umfeldes oder die Last des Unterrichts zermürben dich.
Nach meinem Bildungsurlaub 1999, den alle 35 Teilnehmer sozusagen mit hängender Zunge antraten, formulierte es ein Kollege kurz und bündig: „Lieber ein zufriedener Lehrer als ein guter Lehrer.“ Gemeint hat er damit „Lieber nicht überall meinen gut sein zu müssen und sich damit überfordern, und stattdessen Kraft für Ideale und für die Lebenszuversicht behalten, die unsere Schüler von uns brauchen.“
Das möchte ich besonders meinen christlichen Kollegen und Kolleginnen sagen: „Widersteht der Versuchung, eure Kräfte als Alleskönner zu verheizen! Behaltet stattdessen den weiten Blick für das Ideal: Gottes Liebe weiterzugeben - „wer an mich glaubt, aus dem werden Ströme lebendigen Wassers fließen“, sagt Christus (Joh. 17,38).
Matt Kägi
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