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Medien und die Herausforderung einen sinnvollen Mediengebrauch zu lehren

 

 

Waltraud Gebhardt

 

Schon 1990 wurde eine Studie über bevorzugte Freizeitaktivitäten von Kindern von 6 bis 13 Jahren durchgeführt. 3629 Kinder beantworteten die Frage: „Was tust du besonders gern?“. 46 % davon wollten gerne spielen und allein oder mit anderen Spiele machen 34% gaben an besonders gerne fern zu sehen, Auf die Frage: „Wie oft tust du diese Dinge“ antworteten 82%, dass sie jeden oder fast jeden Tag Fernsehen, 95% sahen mind. einmal pro Woche fern (nach: Klingler, W. / Windgasse, T. in: Media Perspektive 1/94:2-13). Spätere Untersuchung über Medienbesitz und Nutzungsdauer durch Klinger/Schöneberg (1994) zeigten, dass der Anteil der Bildschirm-Medienbenutzer noch einmal gewachsen war und die Medienrezeption, in erster Linie das Fernsehen, inzwischen zum Alltag gehört. Fern gesehen wird rund um die Uhr. Durch das Angebot von Privatsendern wie Tele5, Rtlplus, SAT1, PRO7 über Satellit, Kabelfernsehen und die Benutzung von Videorecorder wurde das möglich. Eine Konzentration der Rezeptionszeiten auf die Vorabendzeit ist festzustellen. Die Zeit zwischen 17.00 und 20.00 Uhr wird als Hauptsehzeit bezeichnet.

Ältere Wirkungsforschung

1982 schrieb Neil Postman, Professor für Media Ecologie an einer New Yorker Universität„Das Verschwinden der Kindheit“, eine Analyse elektronischer Medien. Diese Analyse regte die Diskussion über die Wirkungen von Medien an.

Medien tragen, nach Postmann, zum Verschwinden der Kindheit bei. Die Idee von Kindheit als Lebensphase zwischen ca. 7 bis 17 Jahren gibt es seit weniger als 400 Jahren. Sie gilt als eine Erfindung der Renaissance. Im Zeitalter nach der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg, war es für die Erwachsenen möglich exklusives Wissen zu erwerben. ‚Lesen können‘ trennte Kinder von Erwachsenen, es gab Geheimnisse, die den Unterschied zwischen Kind - Sein und Erwachsen - Sein kennzeichnete. Im Zeitalter des Fernsehens, das als „Medium der totalen Enthüllung“ keine Geheimnisse bewahren kann, wissen Kinder wieder viel mehr über die Erwachsenenwelt als je zuvor und es kommt zu einer Angleichung der beiden Phasen. Einst ‘unwissende’ Kinder sind jetzt „Kind - Erwachsene“. Ein „Kind – Erwachsener“ ist ein Mensch, bei dem sich emotionale und intellektuelle Fähigkeiten nicht entfalten, weil er zu früh zu viel weiß.

Postmanns Kritik gilt der Allianz von Kommerz, Ideologie und Gedankenlosigkeit die durch die Medien die Vorstellungs- und Empfindungswelt der Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen bestimmt. Die Beeinflussung der Vorstellungs-, und Empfindungswelt führt dazu, dass Kinder und Jugendliche am Ende nur noch zu Erwachsenenwünschen fähig sind. „Unnachgiebige enthüllt und trivialisiert das Fernsehen alles Private und was das Schamgefühl zurückhält“ (Postmann 1988:180) Schamgefühl, Höflichkeitsformen und Selbstbeherrschung verschwinden unter dem Einfluss der Medien.

Postmann spricht in diesem Zusammenhang davon, dass sich komplette Gesellschaften in Richtung eines Technopols entwickeln. Die dadurch entstehende Vorherrschaft der Technik und Medien führt letztlich nicht zum Entstehen einer wohlinformierten, urteilsfähigen Bevölkerung, sondern entmündigt Menschen und fördert die Entstehung von Vorurteilen. Zeiten, die mit Fern- oder Videosehen, Videospielen, Computerspielen oder Walkman verbracht wurden sind Zeiten der Rezeption einer Wirklichkeit, die von anderen bearbeitet wurde. Diese verfälschte „Second - hand“ Wirklichkeit könnte zu einer negativen Beeinflussung werden.

Nach Katz und Foulkes kann die Grundlage dieser älteren Wirkungsforschung charakterisiert werden als „Was machen die Medien mit unseren Kindern?“ (1962:378), komplementär zur Vorstellungswelt des Behaviorismus, wonach externe Reize menschliche Handlungen und Einstellungen auslösen. Entsprechend dem monokausalen behavioristischen „S-R Modell“ (auch als „Black Box“ oder “hyperdermic needle-, bullet-, oder transmission belt-theory” bekannt) bestimmen externale Stimuli die menschliche Reaktionen, Handlungen und Einstellungen. Die Verantwortung für die Auswirkungen gesendeter Information auf den Informationsempfänger wird einseitig dem Informationsanbieter zugeschrieben. Medien wurden unter dem Aspekt der Manipulation analysiert und Warnungen vor der Auswirkung der Medien auf Kinder bestimmten die Bilanzen der älteren Medienforschung.

In der neueren Literatur erfolgt eine veränderte Beurteilung von Medien und Mediennutzung.

Neuere Wirkungsforschung

Anstatt einer einseitigen Verurteilung wird eher eine differenzierte Betrachtung angeregt. Individuelle Problemlagen bzw. Medienkarrieren stehen im Blickfeld und Medien Biographien werden erforscht und neue Einsichten in die Reaktion von Kindern auf Medien werden gewonnen.

Der Medienrezipient wird als fähig betrachtet, eigenverantwortlich Information zu verarbeiten. Er kann die Relevanz der dargebotenen Inhalte erkennen und seine eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Durch seine Kommunikationsfähigkeit kann der Mensch eigenständig schlussfolgern und „kreativ verstehen“, „kreativ missverstehen“ oder Information abwehren. „Die Absender tragen nicht die ausschließliche Verantwortung für die Interpretationen des Empfängers, sondern dieser selbst oder zumindest beide“ (Frey/Kemper/Frenz 1996:36). Menschen müssen die Voraussetzungen für ein adäquates Verständnis der Medien selbst, aus sich heraus, entwickeln. Lewin (zitiert in: Merten, 1994:298) illustriert die Annahmen neuerer Wirkungsforschung wie folgt: "B(ehavior/Verhalten)=f(P(erson)), E(nvironment/Umwelt bzw. Kontext)".

Während manche Familien und ihre Kinder in gekonnter bewusster Art und Weise mit dem Medienangebot umgehen, sind andere Kinder und deren Familien dazu nicht in der Lage. Die unterschiedliche Umgangsweise ist unter anderem abhängig vom weiteren sozialen Rahmen, indem sich Kinder bewegen. „Kinder, die sozial integriert sind und gern zur Schule gehen, widmen sich signifikant stärker anspruchsvolleren Aktivitäten wie z.B. der Erstellung von Grafiken und Zeichnungen mit dem Computer, für die Kontrastgruppe gilt, dass sie den Computer vornehmlich zum Spielen nutzen“ (Lange 1996:256).

Die Wirkungen der Medien ist abhängig von den Fähigkeiten der Mediennutzer und weist deshalb beträchtliche Unterschiede auf (nach: Bonfadelli 1989:99):

Mögliche positive Effekte bei guter Medienkompetenz sind:

Mögliche negative Effekte bei schlechter Medienkompetenz sind:

Vielfältige Programmnutzung

Homogenisierung, d.h. mehr vom Gleichen

Selektivere und individualisierte Nutzung

Mehrkonsum von Unterhaltung, Vielseherproblematik

Mehr Information und Lernen durch Medien

Zunehmende Wissensklüfte, nichts Neues wird gelernt weil die Nutzung sich auf Unterhaltendes beschränkt

Bessere Orientierung in der Gesellschaft

Welt aus zweiter Hand: Scheinwelt

Neue Kompetenz die zur Entwicklung der Persönlichkeit und der Beziehungen führen werden erworben

Verfall der Literalität (es wird wenig gelesen)

Erhöhung der Teilnahme bzw. Partizipation und Vermeidung von Isoliertsein bzw. Integration durch vermehrtes Wissen und größere Kompetenz

Mediengebrauch als Substitution für Gespräche führt zu Isolation und verstärkt soziale Gegensätze

Aktivierung und Selbstverwirklichung

Passivität, Abhängigkeit, emotionaler Stress

Die Verantwortung für die Auswirkungen der Medien schreibt die neuere Medienforschung nicht nur dem Produzenten zu, sondern sieht sie auch bei den Rezipienten bzw. bei den Eltern der Rezipienten. Sie sollen Anleitung anbieten, Kontrolle ausüben und einen adäquaten Umgang garantieren.

 

Zur Praxis der Fernseherziehung bzw. zur Entwicklung von Medienkompetenz:

In einer Gesellschaft, die fortgesetzt technologische und kulturelle Revolutionen erlebt, ist es unumgänglich, dass gelernt wird wie die Medienflut vorteilhaft genutzt werden kann. Die gleichberechtigte Nutzung der neuen Medien wird von Politikern als wichtigste soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Die Fähigkeit, das Zusammenwirken von Texten, Tönen und Bildern zu verstehen und ihre Botschaften zu entschlüsseln, werde wesentlich über die Zukunft der Gesellschaft entscheiden, sagte Schröder (siehe Gerhard Schröder in: Markus Pilzweger, dpa 08.03.2002). Sollte es nicht gelingen, eine breite Bevölkerungsschicht dazu zu ermutigen Medien konstruktiv zu nutzen, könnte eine Zweiklassengesellschaft, mit wachsender Wissenskluft zwischen ‚guten Mediennutzern‘ und ‚nicht oder nur unzulänglichen fähigen Mediennutzern‘ entstehen. Bestimmte Bevölkerungsschichten könnten so benachteiligt werden.

Welche Wirkungen man den Medien auch zuschreibt, unbestritten bleibt die Notwendigkeit zur Anleitung und zur Förderung des Verständnisses der medialen Bildersprache. Da der Umgang mit Medien zum einen persönlichkeitsabhängig, zum andern aber auch abhängig von familiären Faktoren ist, beinhaltet eine sinnvolle Medienpädagogik deshalb mehr als bloße Medienerziehung. Die Rolle des sozialen Kontextes des Kindes muss mitbedacht werden.

Die Fragestellung für erzieherische Handlungen weitet sich aus auf: „Was machen Kinder mit den Medien“? nicht nur: „Was machen die Medien mit den Kindern“. Mit dem Begriff Medienkompetenz wird hier die Fähigkeit selbstbestimmt mit neuen und etablierten Medien umzugehen und ihre Möglichkeit zu nutzen beschrieben. Das Verständnis der Subjektivität der Medien, kritisches Denken, eine gewisse Kenntnis vom Nutzen und ein Überblick über vielfältige Angebote sind nötig um auswählen zu können. „Es geht um die Schulung von Selbstbestimmung, Orientierung und Reflexion im Umgang mit Medien, das heißt um Medienkunde und Medienkritik, um eine Qualifizierung zur Nutzung und eine kreative Weiterentwicklung von Medien“ (Lange/Hillebrand 1996:41).

Das Europäische Zentrum für Medienkompetenz (EzfM) identifizierte fünf essentielle Elemente von Medienkompetenz: Zuerst einmal sind Selbstbestimmungs- und Orientierungskompetenz nötig. Dazu benötigt der Nutzer Hintergrundwissen und Einblicke in Funktion, Herstellung und Reichweite von Programmen damit er selektieren bzw. entscheiden kann welche Informationen sinnvoll sind. So kann er sich bewusst für ein bestimmtes inhaltliches Angebot oder eine Anwendung entscheiden.
Die Fähigkeit zur reflektierten Bewertung der Medien und ihrer Inhalte nach normativen, funktionalen und emotionalen Kriterien ist ein weiteres Element. Christliche Pädagogen und Eltern, die bewusst und attraktiv ihre Bibel- und Menschentreue Normen zur Basis ihrer Beurteilung machen, sind so ein positives Beispiel für eine konstruktiv kritische Sicht.


Ein wichtige Kompetenz ist auch die Lern- und Gestaltungskompetenz, die den Nutzer Gestaltungsspielräume erkennen und ausnutzen lässt d.h. er mischt sich aktiv in die Medienkultur ein und bestimmt mit, was da gesendet wird.

Beispiele wie Christen aktiv gestaltend eingreifen sind: Onlineberatung für Kinder www.joemax.de (hier wird u.a. auch die Mitwirkung von Kindern zugelassen). Informationen zu TV Sendungen bzw. Videos für Kinder gibt es unter info@bibellesebund.de oder Tel.: 02264/7045 oder Postfach 11 29, 51703 Marienheide. Informatives aus christlicher Sicht bzw. christliche Internet Angebote: www.jesus-online.de; www.cina.de; www.sound7.de; www.nikodemus.net (ein christliches Frage und Antwort Forum -FAQ- rund um das Thema Christsein), www.noch-alleine.de; www.gemeindeatlas.de

Im Blick auf die sich immer wieder verändernden Variablen von Sender, Nachricht und Rezipient werden christliche Eltern und Pädagogen die Mediensozialisation nicht alleine dem nationalen Schulsystem überlassen sondern, sie werden aktiv und kommunikativ mit ihren Kinder einen kritischen Umgang einüben, Gutes kreativ annehmen und weiterentwickeln und die Beeinflussung durch ethisch Bedenkliches analysieren und begründet und konsequent ablehnen.

Literatur Liste:

Klinger, W / Schönenberg, K. „Kinder und Medien – Eine alltägliche Beziehung“
Diskurs, 4, 1994.

Klingler, W. / Windgasse, Th. “Was Kinder sehen. Eine Analyse der Fernsehnutzung von 6- bis 13jährigen” In: Media Perspektiven 1/94.

Postman, N. „The Disappearance of Childhood” Delacorte Press, New York, 1982.

Postman, N. „Die Verweigerung der Hörigkeit“ S.Fischer, 1988.

Lange, A. „Kindsein heute: theoretische Konzepte und Befunde der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung sowie eine Explorationsuntersuchung zum Kinderalltag in einer bodenseenahen Gemeinde“ Hartung – Gorre - Verlag Konstanz, 1996.

Katz, E. / Foulkes, D. „On the use of the mass media as, escape’: Clarification of a concept” In: Public Opinion Quarterly 3/1962.

 

Pilzweger, M. dpa 08.03.2002 Quelle: http://www.pcwelt.de/start/dsl_voip/archiv/22383/.

Bonfadelli, H. „Vom Aufwachsen in einer elektronischen Umwelt“ Bundesministerium für Jugend, Familien, Frauen und Gesundheit (Hrsg.):40 Jahre Bundesrepublik Deutschland. Zur Zukunft von Familien und Kindheit, DJI, München, 1989.

Lange, P. /Hillebrand, A. „Medienkompetenz- die neue Herausforderung der Informationsgesellschaft“ in: Spektrum der Wissenschaft, August 1996.

Merten, K./ Schmidt, S.J./ Weischenberg, S. (Hrsg.) „Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft“ Opladen: Westdeutscher Verlag, 1994.

Waltraud Gebhardt (überarbeitet 2008)