Christliche Werte in einem
multikulturellen Europa
Die Berlin Erklärung
Vertreter aus neun europäischen Ländern haben in
einem intensiven Arbeitsprozeß versucht vom 13.-15.
Mai 1999, ihre sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Prägungen
für das Thema fruchtbar zu machen.
Sie haben zugleich an die Ergebnisse der EurECA Konferenz
in Prag vom 16.-19. Mai 1997 angeknüpft, die in der Prager
Erklärung 1997 ihren Niederschlag gefunden haben zu dem
Thema “Christlicher Glaube in Bildung und Erziehung”.
Allgemeiner Ausgangspunkt für die Wahl des Konferenzthemas
war eine in vielen Analysen kostatierte Orientierunglosigkeit
besonders in den jüngeren Generationen, die von der Verunsicherung
in der Frage zeugt, welche Werte in unseren Gesellschaften
und Kulturen gelten sollen.
I
Dieser Prozeß, der auch mit dem Stichwort Werteverlust
gekennzeichnet wird, hat in den früheren Ostblockländern
eine Beschleunigung erfahren durch tiefgreifende politische
Veränderungen seit Ende der achtziger Jahre. Es handelt
sich darüber hinaus um globale Einflüsse der Modernisierung
in Ökonomie, Wissenschaften und Technologie, die tiefgreifende
Veränderungen in den sozialen Verhältnissen unserer
Kulturen bewirken.
Es hat sich als nicht einfach erwiesen, bei solcher Komplexität
der Zusammenhänge hinsichtlich der Werte-Frage zu Klärungen
zu kommen. In den folgenden Sätzen (Thesen) legen wir
das Ergebnis unserer Beratungen der Öffentlichkeit vor
und laden Sie ein, an der weiteren Präzisierung dieser
Leitlinien über Internet oder andere Kommunikationsmittel
mitzuwirken. So erwarten wir Ihre Vorschläge, Kommentare
oder Kritik und Widerspruch.
II
Der christliche Glaube und seine Werte
- Das Fundament des menschlichen Lebens liegt nach christlichem
Verständnis in der Beziehung Gottes zu den Menschen.
Er hat den Menschen angesprochen – von ihm her bezieht
der Mensch seine Würde und sein Wesen. Diese Grundorientierung
des menschlichen Lebens wird biblisch in dem Verhältnis
von Schöpfer und Geschöpf und in der Gottebenbildlichkeit
des Geschöpfes zum Ausdruck gebracht. 1. Mose 1, 27;
2,7
Für die allen Wertvorstellungen zugrunde liegenden
Anschauungen vom Wesen des Menschen (Anthropologie) bedeutet
das, daß die Würde des Menschen sich nicht aus
menschlichen Vereinbarungen ergibt, sondern aus seiner prinzipiellen
Relation zu Gott. Sie ist darum auch “unantastbar”,
wie es im ersten Artikel der Erklärung der Menschenrechte
heißt.
- Gott selbst hat sich in seiner Zuwendung zum Menschen
als der Inbegriff der Liebe, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit
erwiesen. In der Geschichte Gottes mit dem Volk Israel,
in dem Leben und Geschick seines Sohnes Jesus Christus und
im Weg der Christenheit ist dieses Wesen Gottes offenbar
geworden.
Für Christen sind darum die grundlegenden Wertvorstellungen
an ihre grundlegende Definition durch Gottes Handeln in
der Geschichte, wie es die Schriften des Alten und Neuen
Testamentes bezeugen, gebunden.
- Es gehört zu der Geschichte Gottes mit den Menschen
von Anfang an, daß sie gegen ihn revoltieren und Autonomie
beanspruchen. Die Bibel nennt diesen Sachverhalt Sünde
und sieht in Haß, Neid, Mord und Tod die Folgen der
Sünde.
Gott liefert den Menschen aber den Folgen der Sünde
nicht einfach aus. Er bewahrt die Würde des Menschen,
indem er ihn weiter ruft und ihm die Chance zur Umkehr und
zum Neuanfang gibt. Den höchsten Ausdruck dieser Geduld
und Barmherzigkeit findet die Liebe Gottes in Jesus Christus,
der für die Sünden der ganzen Welt sein Leben
läßt und von Gott auferweckt den Tod überwindet
und den Menschen den Weg zum Ewigen Leben eröffnet.
Von diesem Tun Gottes her gewinnen Christen eine realistische
Hoffnung für das Leben; denn Gottes Liebe umschließt
auch das Scheitern und die Schuld des Menschen.
Seine Geduld und Barmherzigkeit lassen sich nicht in einem
Wertesystem abbilden, das der Mensch eigenmächtig zum
Programm machen könnte. So bleiben alle menschlichen
Versuche, auf Gottes Anrede die rechte Antwort zu finden,
zwar unvollkommen und sind auf die Vergebung in Jesus Christus
angewiesen, tragen aber die Zeichen der Hoffnung an sich.
III.
Werte im politischen Kontext
- Gott hat den Menschen nicht nur in ein Verhältnis
zu sich selbst, sondern auch in ein bestimmtes Verhältnis
zu seinen Mitmenschen und zur übrigen Schöpfung
gesetzt. Er schenkt ihm gute Ordnungen, die ein Leben in
Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit und Liebe ermöglichen.
Die Menschen, die sich zu IHM bekennen, sind zugleich in
die Verantwortung für ihre Mitmenschen gestellt. Gottesliebe
und Nächstenliebe lassen sich nicht trennen. So sind
alle Ordnungen des Zusammenlebens (Normen, Tugenden) für
Christen an das Gottesverhältnis gebunden, erhalten
von daher ihre Verbindlichkeit und ihre Reichweite und ihre
Hoffnungsstruktur.
- Was für Christen einen bestimmten Zusammenhang im
Gegenüber zu Gott hat, begegnet in nicht-religiös
definierten Zusammenhängen in Form von Begriffen, den
sogenannten Werten: Freiheit, Gleichheit, Solidarität,
Menschenliebe, Gerechtigkeit, Friede u. a. werden in ganz
unterschiedlichen Weltanschauungen verwendet. Sie standen
als Leitworte der Gesellschaft sowohl in den Verfassungen
der atheistisch-kommunistischen Staaten wie in denen der
westlichen Demokratien.
“Werte” sind also erst einmal leere Begriffe,
die ihren Inhalt von den Ideologien und Weltanschauungen
bekommen, in deren Zusammenhang sie verwendet werden.
- Werte sind damit primär politische Begriffe und
müssen mit den Mitteln der Politik bearbeitet werden.
Das heißt, es muß immer genau geklärt werden,
was der Inhalt und was das Ziel des jeweiligen “Wertes”
ist, wem es dienen soll (cui bono?), mit welchen Mitteln
es durchgesetzt werden soll, wo seine Grenzen (Reichweite)
sind und wie im Konfliktfall verfahren werden soll (Strafe,
Sühne).
Und das ist auf der politischen Ebene der erste Dienst,
den die Christen ihren Gesellschaften leisten können,
wenn sie sich an Wertedebatten beteiligen: diese ideologiekritische
Aufklärung über den spezifischen Charakter der
“Werte”.
Der Blick in die Geschichte zeigt uns nur zu genau, daß
die größten Verbrechen immer unter dem Vorwand
“höchster Werte” begangen worden sind.
IV.
Die pädagogische Herausforderung
- Auch für die pädagogischen Ziele gilt im Prinzip
dasselbe Verfahren. In den Bildungsrichtlinien unserer Staaten
ist viel von “hohen Werten” die Rede.
Doch es bedarf der Klärung: für wen sollen die
Werte, die man vermitteln will, eigentlich gelten: Nur für
die Schüler (fleißig, ehrlich, sauber, gehorsam...),
oder auch für die Lehrer und die Eltern oder gar für
die Bildungspolitiker?
Diese Fragen müssen wirklich geklärt werden, wenn
es nicht bei unklarem Raisonement über “Werteverlust”
und dem Deklamieren “höherer Werte” bleiben
soll.
Das heißt, wir brauchen das geduldige Gespräch
mit all´ den genannten Partnern. Wenn eine Verständigung
gelingt, können wieder neue Bindekräfte entstehen,
die den dann erreichten Wertkonsens tragen.
Mit dieser Zielsetzung kommen auf die Schulen, ihre Lehrkräfte
und die Verantwortlichen in der Tat neue Aufgaben zu, die
zu einschneidenden Veränderungen in Ausbildung, Fortbildung
und schulischer Praxis führen.
Christliche Schulen haben eine besondere Chance, diese Herausforderungen
anzunehmen und eine Modellfunktion in der Gesellschaft zu
erfüllen.
- Christen treffen mit ihren an Gottes Wort gebundenen
Wertvorstellungen in der Frage, was in ihrer Gesellschaft
als “Werte” gelten soll, nicht nur auf a-religiöse
(säkularisierte, humanistische) Gesprächspartner,
sondern auch zunehmend auf Vertreter anderer Religionen
mit ihren Glaubensüberzeugungen und Wahrheitsansprüchen.
Um “der Stadt Bestes zu suchen” (Jer. 29.7)
und die gemeinsame Aufgabe in der Schule zu gestalten, wird
wieder die Prüfung der Wertvorstellungen und ihrer
Durchsetzung geboten sein. Dabei dürfen die letzten
Bindungen nicht verschwiegen werden. Christen haben keinen
Grund, sich an dieser Stelle dem Gespräch zu verweigern;
ist unser Gott doch der, der alle Menschen in Liebe und
Barmherzigkeit und Geduld sucht. (Joh. 3,16)
- In dem allem sollen wir bescheiden sein; denn einmal
ist auch die Geschichte des Christentums nicht frei von
schlimmen Verirrungen. Im Namen von Gerechtigkeit und Wahrheit
haben Christen schon viele Glaubensgenossen und andere Menschen
Gottes zu Tode gebracht. Und dann dürfen wir auch nicht
vergessen, daß in den Kriegen und Bürgerkriegen
dieses Jahrhunderts bis heute Christen gegeneinander im
Kampf gestanden haben und stehen. Und unterschätzen
wir nicht die Wirkung des “Gott mit uns!” auf
der einen und des “Gott mit uns!” auf der anderen
Seite für die Aushöhlung sogenannter “christlicher
Werte”.
Wir haben keine Veranlassung zu großen Tönen
oder zu einer neuen Kreuzzugsmentalität. Wir bleiben
auch in unserem besten Wollen und Tun angewiesen auf die
Gnade unseres Gottes, - von der leben wir. (Röm 7,19)
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