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Die Tugend der Hoffnung für christliche Lehrer

Heike Schwarz

Heike SchwarzAm Anfang des akademischen Jahres 1999 stellte ich fest, dass ich eine Klasse von 24 schwach begabten Teenagern unterrichten musste, von denen 12 schon im vorangegangenen Schuljahr in meiner Klasse waren.

Der Grund dafür, zwei Mal so viele Schüler zu unterrichten, war, dass einer der Lehrer des vorherigen Schuljahrs weggegangen war. Diese Klasse unmotivierter Schüler war hart, und ich ärgerte mich, dass ich es tun musste. Doch dann zeigte mir Gott, dass ich in einer Verzweiflungshaltung war - ich hatte im Voraus entschieden, dass das nicht gut gehen würde. In seinem Buch ‘Lieben, Hoffen, Glauben’ (München,Kösel Verlag, 1962) erklärt Josef Pieper, ein deutscher Theologe und Philosop, dass es zwei potenzielle Feinde der Hoffnung gibt.

Verzweiflung ein Feind der Hoffnung
Der erste Feind der Hoffnung ist die Verzweiflung. Hoffnung sagt, dass am Ende alles gut wird für uns als menschliche Wesen, also auch für mich. Aber die Verzweifelung sagt, dass alles für uns und besonders für mich selbst mit einem negativen Ergebnis enden wird. Diese Entscheidung ist wie eine sich selbst erfüllende Prophezeihung. Sie negiert, dass der große Gott der Welt alles unter Kontrolle hat und dass er uns liebt und gute Dinge für uns bereithält. (Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Psalm 23: 6 ) Verzweiflung ist auch die Erwartung des sich nicht Erfüllens.Als Menschen existieren wir von der Geburt bis zum Tode immer im Zustand des Werdenden. Wir haben unser letztes Ziel noch nicht erreicht. ( Philipper 3; 13 ) Da gibt es noch die Möglichkeit, sein Endziel nicht zu erreichen. Das bedeutet, das Ziel (eine der Definitionen des Wortes ‘Sünde’ ) zu verpassen. Wir leben in einem gespannten Verhältnis zwischen ‘nun’ und ‘noch nicht’ der menschlichen Existenz. In meinem Fall war es so, ich wollte ein gutes Verhältnis mit diesen Teenagern haben und mit ihnen gut in der Klasse arbeiten, aber dann entschied ich unbewusst, dass meine Hoffnung nicht erfüllt werden würde. Ich war also zu dem Schluss gekommen, dass es für mich nicht gut ausgehen würde.

Annahme ist auch ein Feind
Der 2.Feind der Hoffnung ist die Mutmaßung. Das ist die Vorausentscheidung, dass alle meine Wünsche erfüllt werden. Es ist eine Art von magischem Denken, dass vielleicht nach einer gewissen Zeit von besonderem Gebet, Gott sofort alle meine Hoffnungen erfüllen wird. Die Annahme (Mutmaßung) ist die Erwartung der Erfüllung.

Sie nimmt die Dinge, die wir wünschen, schon als existierend hin und leugnet die „ auf dem Weg” seienden Charakteristiken des menschlichen Lebens. Sie glaubt - unrealistischerweise -, dass sie im Prinzip schon alles (zB. Heilung) erhalten hat, dass sie schon das Ziel des ewigen Lebens und der Erfüllung erreicht hat. Die Mutmaßung bedeutet eine Parteinahme mit dem „jetzt” in der Spannung zwischen „nun” und „noch nicht”, und schließt sich einem widernatürlichen menschlichen Verlangen nach Sicherheit im Leben an. Sie lähmt wirklich, was wahrhaft menschlich in einer Person ist. Sie ist eine selbstzerstörerische Täuschung, die die Dinge für noch nicht erfüllt nimmt, als wären sie erfüllt.

Beide Formen der Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Mutmaßung, sind nicht nur Stimmungen, die uns widerfahren. Sie sind vorsätzliche Entscheidungen, die wir für uns treffen. Sie können lebenslang in Tiefe und Konsequenz variieren. Aber sie sind sündhaft, da sie mit der Wirklichkeit in Konflikt stehen, der Wirklichkeit, dass es einen Weg zur Erfüllung gibt, einen Weg zum ewigen Leben, der Christus ist. Und in diesem Sinne ist es eine Entscheidung gegen Christus und eine arrogante Leugnung oder Empörung gegenüber seiner Erlösung. Das Böse an dieser Entscheidung ist die Tatsache, dass es ein Urteil gegen mich als Ebenbild Gottes ist und sich gegen den Charakter Gottes richtet.

Mutmaßung lähmt, was wirklich menschlich in einem Menschen ist

Wenn wir Aspekte von Verzweiflung oder Mutmaßung in uns entdecken, müssen wir bereuen und das als Sünde bekennen und Reinigung durch das Blut von Jesus Christus am Kreuz erhalten. Beides - Verzweiflung und Annahme - sind auch Hindernisse für ein richtiges Gebet. Gebet ist die Sprache derer, die hoffen. Der verzweifelte Mensch betet nicht, weil er die Nichterfüllung seines Gebetsanliegens für gegeben ansieht, wogegen der Mensch mit Mutmaßungen nur zu beten scheint. Es gibt keinen richtigen Anlass zum Beten, weil, der Zeit voraus, nimmt er die Erfüllung seines Gebetsanliegens für selbstverständlich.

Verzweiflung und Mutmaßung sind auch eine Konsequenz davon, Gott unangemessen darzustellen. Wenn wir nur auf Gottes Gerechtigkeit schauen, haben wir allen Grund zur Verzweiflung und uns von ihm abzuwenden. Wenn wir uns nur auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit konzentrieren, werden wir überheblich und sehen ihn als „Alten Knacker”, der tun sollte, was wir von ihm möchten. Gottes Gnade wird dann zur ‘billigen Gnade’ ( wie Bornhoeffer es ausdrückt ).

Die Tugend des Edelmuts
Das Gegenteil der Hoffnungslosigkeit ist die Tugend des Edelmuts. Edelmut bedeutet wörtlch den Mut, groß zu sein oder groß zu werden. Das beinhaltet ein Hinaufrecken zu der Größe, die Gott in uns und unsere Schüler als Ebenbilder in uns gepflanzt hat, und nicht mit weniger zufrieden zu sein. Wir erwarten in uns und in ihnen dieses gottgegebene Potenzial zu finden und uns und sie als würdig zu erweisen. Edelmut bedeutet, dass wir sowohl als Lehrer als auch Schüler prädestiniert sind, all diese Tugenden zu entwickeln. Aber es gibt eine Würde, die ein Mensch nicht für sich selbst vollbringen kann - eine endgültige Erfüllung all dessen, was ein Mensch sein kann. Im 2.Petrusbrief 1;4 wird es genannt Gottes göttliche Natur, die in uns ist. Das bedeutet, dass Gott durch seinen Heiligen Geist in uns wohnt, und er ruft uns, an seiner göttlichen Natur teilzuhaben.

So gibt es ein übernatürliches Emporheben von uns zu Gottes Größe, zur Würde, Gottes Kinder zu sein, Gottes Söhne und Töchter. Der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz, dass er ihn setze neben die Fürsten, neben die Fürsten seines Volkes. ( Psalm 113;7-9 )

Es gibt die Sünde der Acedia. Das ist eine Art Furcht vor der Größe zu der uns Gott gerufen hat. Dieser Mensch möchte nicht so groß sein und so edel, wie er in der objetiven Wirklichkeit ist. Oder er hat nicht den Mut, die Verpflichtung zu akzeptieren, die mit der Erhebung verbunden ist. Acedia ist eine widernatürliche Art von Demut ( Bescheidenheit ). Sie möchte keine guten Gaben erhalten, aus Angst, den Erwartungen entsprechen zu müssen, die sie scheinbar begleiten.

Demut und Edelmut als Doppeltugenden
Neben der Tugend des Edelmuts gibt es die Demut. Demut ist kein selbstherabsetzendes Verhalten gegenüber Gott und anderen. Sie bedeutet Klarheit über die Wirklichkeit und eine positive Akzeptanz der Wirklichkeit, dass es eine unerklärliche Distanz zwischen dem Schöpfer Gott und seinen Geschöpfen gibt. Diese Akzeptanz führt zum Bekenntnis, dass wir Gott brauchen und dass wir nicht perfekt sind.

Demut ist wie die Böschung gegenüber dem Fluss des Edelmuts. Demut ist eine wahre innere Willensentscheidung. In der Tugend der Hoffnung akzeptieren wir uns als Geschöpfe Gottes, wir akzeptieren uns in der wunderbaren Art, wie Gott uns gemacht hat.

Hoffnung ist Gottes Geschenk und um diese übernatürliche Hoffnung zu erhalten und zu entwickeln, müssen wir diese Tugend des Edelmuts und der Demut entwickeln und pflegen. Und sie müssen von Gott selbst eingeflößt sein. Durch unsere eigene Schuld können wir unsere übernatürliche Hoffnung durch einen Mangel an Edelmut oder einen Mangel an Demut verlieren.

Demut und Edelmut sind die Doppeltugenden, die die Hoffnung begleiten, wogegen Verzweiflung und Mutmaßung ihre Feinde sind.

Übernatürliche Hoffnung pflanzt in uns einen Samen, des ‘noch nicht’, der sich nicht erschöpfen kann. Das führt zu einem neuen „Jungsein” und neuer Kraft. Natürliche Hoffnung geht zusammen mit „jung sein”, mit einem langen Stück Zukunft vor uns und nur einer kurzen Periode unseres vergangenen Lebens. Darum wird natürliche Hoffnung müde mit dem Alter, das „noch nicht” ist zur Vergangenheit geworden in ein „nicht länger”. Übernatürliche Hoffnung gibt uns ein unglaublich langes Stück Zukunft, sodass sogar hohes Alter uns als eine kurze Periode der Vergangenheit erscheinen mag. Paulus sagt : Darum werden wir nicht müde, sondern, wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. (2.Korinther 4; 16).

Ich komme zum Schluss mit einem keltischen Gebet :

Umgebe mich, oh Gott,
Lass den Glauben in mir
Und den Stolz draußen.
Umgebe mich, oh Gott,
Lass die Hoffnung in mir
Und die Verzweiflung draußen.
Umgebe mich, oh Gott,
Lass die Liebe in mir
Und den Hass draußen.

Heike Schwarz