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Erziehung für das Leben und Erziehung zum Frieden von Nicholas Wolterstorff

Buchbesprechung von John Shortt

Nick Wolterstorff, ein emeritierter Professor für philosophische Theologie an der Yale Divinity School, ist ein herausragender Philosoph, der seine Laufbahn an der Universität Tübingen (D) begann.

Zu seinen vielen Büchern zählen: Kunst in Aktion, Theologischer Diskurs, Vernunft in den Zwängen zwischen Religion, Recht und Friedensliebe.

Im Verlauf seiner Karriere als Lehrer der Philosophie sprach und schrieb er häufig über Erziehungsthemen. Eines seiner letzten Bücher Erziehung zu verantwortlichem Handeln war bahnbrechend, und Dank der Bemühungen der beiden Herausgeber, Gloria Stronks und Clarence Joldersma, konnten nun zwei weitere Bücher folgen. Beide enthalten eine Auswahl seiner Reden und Veröffentlichungen über Erziehung aus den letzten drei Jahrzehnten.

Die Essays, die für das Buch Erziehung für das Leben (Veröffentlicht bei Baker, Grand Rapids, USA) ausgewählt wurden, konzentrieren sich hauptsächlich auf die Erziehung an Schulen und gehen weniger auf die Erziehung im Hochschulbereich ein. Viele wurden uns als Originalreden zugesandt, die er für christliche Lehrer auf Konferenzen in den USA und Kanada hielten.

Ein besonders hilfreiches Kapitel umfasst vier Vorträge unter dem Titel Heute schon Unterrichten für Morgen zusammen, die 1984 auf einer Konferenz Christlicher Schulen in Australien gehalten wurden.

Die vier Hauptkapitel des obigen Buches enthalten jeweils eine Reihe von Essays. Der erste Teil, der schon etwa die Hälfte des Buches umfasst, enthält 7 Essays über das Wesen christlicher Erziehung.

Teil 2 enthält 3 Essays über Herausforderungen und Einwände, denen sich die christliche Erziehung gegenübersieht. Teil 3 enthält 3 Essays über die Christliche Erziehung in einer pluralistischen Gesellschaft.

Die 3 Essays im Schlussteil beschäftigen sich mit dem, was Wolterstorff “Erziehung zum Frieden” nennt. Erziehung für das Leben ist für Wolterstorff nicht einfach nur Erziehung von Schülern, sondern sie gilt auch im größeren Rahmen für ihr Leben im Hier und Heute, für die Bildung von Verstand und Seele, für die Gesamtheit ihres Lebens als Person in ihrer jeweiligen Gemeinschaft und in der Mitte der normalen menschlichen Gesellschaft. Christliche Erziehung soll zu einem christlichen Leben in der Welt, die Gott geschaffen hat, führen.

Da die Essays in den 4 Kapiteln des Buches in einer chronologischen Reihenfolge stehen, erkennen wir eine offensichtliche Entwicklung im Denken von Wolterstorff in dieser Thematik. Die Konfrontation mit dem Leiden der palästinensischen und süd-afrikanischen Bevölkerung führt ihn zu der Behauptung, dass Erziehung zum Frieden nur möglich ist, wenn Gerechtigkeit die Grundlage ist.

Shalom ist nicht nur das Fehlen von Feindseligkeit, sondern, wie er es einprägsam formuliert: “im Frieden leben heißt, sich am Leben zu freuen vor unserem Schöpfer, sich zu freuen in unserem Umfeld, sich zu freuen mit unseren Freunden und an sich selber” (S.101).

Er gelangt zu der Überzeugung, dass es zu wenig ist, wenn man die christliche Erziehung nur als die Entwicklung christlicher Wertvorstellungen ansieht, denn das wäre eine Form von christlichem Humanismus. Schüler sind ganzheitliche Personen und nicht nur “Gehirne auf Beinen”. Wir sind als Beziehungswesen geschaffen, und so ist die Erziehung zum Frieden eine Erziehung zur Gerechtigkeit.

Wenn diese Vorstellung von Erziehung auf christliche Weise gelebt wird, wird diese Welt wieder menschlicher werden.

Daneben beschäftigt sich Wolterstorff noch mit Fragen zum Lehrplan und diversen Zielsetzungen, Praxisnähe, Erziehung zur Ästhetik, Buchauswahl für Literaturseminare, der Spannung zwischen Isolation von und Anpassung an die Welt und vielen anderen erzieherischen Anliegen.

Ein Essay über den Religionsunterricht an Schulen ist ein von ihm typisch sorgfältig behandeltes Thema, indem er einen Fall entwickelt, den er als “wohlwollende Unparteilichkeit” des Staates bezeichnet (Kap.11).

Ich fand seine Argumente für die Christliche Schule zwar überzeugender, als das meiste, was ich von anderen Autoren darüber gelesen hatte, aber ich hatte das Gefühl, dass er im allgemeinen den erzieherischen Einfluss von Familie und Kirche unterschätzte und den Einfluss der Schule überbewertete. Interessanterweise waren die einzigen frühen Einflüsse auf Wolterstorffs eigene geistliche Entwicklung, über die er im Vorwort genau berichtet (Seite 10-12), jene, die von nichtausgebildeten Mitgliedern seiner ausgedehnten Familie und örtlichen Gemeinde im ländlichen Minnesota kamen und nicht jene von ausgebildeten Lehrern in der Schule!

Die 19 Essays, die für das 2. Buch, Erziehung zum Frieden ausgewählt wurden (veröffentlicht von Erdmans, Grand Rapids, USA) behandeln schwerpunktmäßig die Bildung Erziehung im Hochschulbereich. Die meisten von ihnen waren Seminarvorträge in Akademien und Universitäten (einschließlich der Rede von Wolterstorff zur Eröffnung der Freien Universität von Amsterdam, dem “Projekt einer Christlichen Universität in einer postmodernen Kultur”) oder Referate, die in akademischen Zeitschriften veröffentlicht worden waren.

Trotz der Unterschiede im erzieherischen Kontext liegt auch dieser Sammlung dieselbe christliche Auffassung über Erziehung zu Gerechtigkeit und Frieden zugrunde, wie dem ersten Buch. Wolterstorff fordert eine Wendung in der christlichen Erziehung, ausgehend von Stufe 1 (mit dem Fokus auf Evangelisation und Absonderung von der Welt) und Stufe 2 (Übernahme von mehr kultureller Verantwortlichkeiten) hin zu Stufe 3 (mit Schwerpunkt auf Gesellschaft und sozialem Einsatz).

Die in diesen Essays angesprochenen Themen befassen sich mit: Mission in Christlichen Hochschulen und Universitäten, dem Wesen christlicher Gelehrsamkeit, dem sozialen Kontext von Erziehung zur Gerechtigkeit und Frieden und der Mission christlicher Akademiker in der breiteren Gesellschaft.

Von besonderem Wert in diesem Buch sind, zum einen die Einführung von Clarence Joldersma, welche einen sehr hilfreichen Überblick über die Grundgedanken Wolterstorffs gibt, und zum anderen Wolterstorffs eigenes Nachwort. Im letzteren wiederholt er seine Wanderschaft vom christlich-humanistischen Modell über das christlich-wissenschaftliche Modell hin zur Erziehung zur Gerechtigkeit und Menschlichkeit.

Er kam zu der Überzeugung, dass in Gen. l überhaupt kein kultureller Auftrag vorliegt. Statt dessen, so argumentiert er: “Gott segnet die Menschheit … im Sinne von “seid fruchtbar und mehret euch”….(S. 296). Für ihn liegt das Ziel der Hochschulbildung nicht länger darin, uns dazu zu befähigen, das Erbe unserer Hochkultur anzutreten, oder sich die Ergebnisse der akademischen Disziplinen anzueignen und in die Praxis umzusetzen, sondern die Bildung kann und sollte dazu dienen, Menschlichkeit zu erzeugen (S. 297).

Wolterstorff zählt ganz sicher zu den hervorragendsten Denkern im Bereich der christlichen Erziehung. Sein Denken verdient Beachtung von jedem, der sich mit der Entwicklung einer christlichen Perspektive für Erziehung befasst. Ich kenne keinen besseren Zugang hierzu als durch diese beiden Bücher (einschließlich seines früheren Werkes “Erziehung zu verantwortlichem Handeln”).

Ich schließe mit dreien der vielen Edelsteine aus diesen zwei Büchern, die wahre Schatzkästchen sind.
In “Erziehung zum Leben” (S.249), schreibt Wolterstorff, “Die Vereinigten Staaten waren ein Experiment der Aufklärung”. In “Erziehung zum Frieden” (S.209), schreibt er, “Kuyper war ein Mensch der Postmoderne, der nicht in seine Zeit passte”. An einer anderen Stelle schreibt er in diesem Buch( S. 278), “die Tradition der Reformation ist eine Drei-Städte-Tradition” (die Stadt der Menschheit als solche, der Augustinische Gottesstaat und die Welt).                       
             

John Shortt

Diese Buchbesprechungen wurden zuerst im “Journal of Education & Christian Belief” 8:2 veröffentlicht (Herbst 2004, S.146 -147) und werden mit Erlaubnis der Redaktion wiedergegeben.